Leseprobe aus Toast mit Ohren

Leseprobe aus Toast mit Ohren:

Lehrjahre oder Wie wär’s mal mit Gehalt?

Ich hatte den Satz schon dutzendmal von meinen Eltern gehört: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“ (Zuletzt war das, als ich das erste Mal bei meiner Freundin übernachten durfte …)
Doch damals, am 1. August 1981, war wirklich Schluss mit lustig. Es war mein erster Ausbildungstag zum Verlagskaufmann in Lübeck bei Ehrlich & Sohn, einem Verlag, der damals unter anderem die „Frau im Spiegel“ herausbrachte.

Nur, wie soll der Ernst des Lebens beginnen, wenn man aussieht wie einer, der in der Geisterbahn Leute erschreckt? Mutti hatte mich in ein schlecht sitzendes Cord-Jackett genötigt und mir (gegen meinen Willen!) eine blaue Lederkrawatte umgebunden. Kein Wunder, dass ich in dem Aufzug gleich ins Firmen-Lager gesteckt wurde. Tageslicht gab es hier nur durch einen winzigen Spalt in der Hallendecke, ich musste einen grauen Kittel tragen und Kundenkontakt gab es hier natürlich auch nicht. Genau das Richtige für junge Menschen, die blaue Lederbinder tragen. Strafe muss sein.

Wenigstens wurde mir bereits durch meine erste große Aufgabe die Sorge genommen, ich
würde den Grundanforderungen der Kaufmannslehre aufgrund meiner nur bruchstückhaften Erinnerung an die meisten Mathe-Stunden womöglich nicht genügen:
Ich durfte im Materiallager Bestände zählen. 15 Tuben UHU, 22 Rollen Tesa-Film, 44 Fläschchen Tipp-Ex, 2 Kartons Klarsichthüllen, oben offen. „Aufgepasst, es gibt auch welche, die sind oben und seitlich offen. Kommen Sie nicht durch den Tüdel, Herr Köthe“, mahnte mein Ausbilder noch. „Wird schon gehen, Chef.“

Material zählen! Jahrelang hatte ich mich mit binomischen Formeln und Kurvenberechnungen herumgeplagt, nur um nun festzustellen, dass es im Arbeitsleben manchmal reicht, fehlerfrei bis 50 zählen zu können (so viele Radiergummis waren auf Lager). Zudem hatte ich durch das spärliche Tageslicht irgendwann jedes Zeitgefühl verloren. Schätzungsweise gegen Mittag kam es mir so vor, als hätte ich schon drei Tage durchgezählt. Wenigstens war ich zum rechten Moment in die Firma gekommen: Zwei Wochen später war das erste Betriebsfest. Noch heute wird im ehemaligen Kollegenkreis erzählt, ich hätte den Verlagsdirektor zu vorgerückter Stunde gefragt, wie lange er seinen Job eigentlich noch machen wolle. Kleiner Tipp: Es gibt elegantere Möglichkeiten, die Karriereleiter im Sturzflug hinunterzurauschen.

Überhaupt: Vorsicht vor dem Chef. Wenn er am ersten Tag sagt: „Meine Tür steht immer
für Sie offen“, heißt das im Klartext so viel wie: „Wenn du dich in den nächsten drei Jahren auch nur einmal hier blicken lässt, ramme ich dich unangespitzt in den Boden, mein Freund.“

Im Berufsleben sind nämlich viele Dinge verklausuliert. In meinem Lehrzeugnis steht als
letzter Satz zum Beispiel: „Herr Köthe ist ausgesprochen kontaktfreudig.“ Klingt super,
heißt aber übersetzt: Herr Köthe jagt Sekretärinnen hinterher und ist ein nervtötender Quasselkopf.
Na, wenigstens bekam ich vom ersten Tag meiner Lehre an ein Gehalt. Später bei R.SH war das etwas anders …