Leseprobe aus Teufelchen in der Brust

Leseprobe aus Teufelchen in der Brust:

Es geht um den Besuch der damals 4-jährigen Nichte der Autorin, Emma.

Schlafbesuch von Emma

Eine echte Ablenkung, aber auch Herausforderung. Bis dato hatte meine Mutter (also „Oma Beate“) ihr nur erzählt, dass ich ziemlich krank sei und lange nicht arbeiten gehen könne. Das fand sie schon mal toll. Krank – wie aufregend. Krankgeschrieben – ich hatte Zeit für sie. Da Kinder dazu neigen, immer alles genau wissen zu wollen, und Emma neben stinkenden Affen total auf Krankenhäuser und alles, was damit zusammenhängt, steht (vorzugsweise auf Rettungswagen, Rettungshubschrauber und Krankenhausschilder mit einem Kreuz drauf), erklärten wir ihr, dass ich ein „Teufelchen in der Brust“ hätte, das behandelt werden müsse. Sie guckte uns an, als wollte sie sagen „Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht!?“, fragte aber glücklicherweise nicht weiter nach.

Seit Wochen fragte sie schon, wann sie endlich mal wieder bei uns schlafen könne. Irgendwann kam ich nicht mehr drum herum. Ich sagte zu. Sie rückte mit ihrem karierten Felix-Koffer (Felix ist ein Hase aus einem Kinderbuch) bei uns an. Ich machte unser Gästebett fertig. Sie stellte klar, dass ich gemeinsam mit ihr dort schlafen sollte. Klar, Chef. Dadurch ergab sich aber ein Problem: Ich musste ihr von „Günther“ erzählen. Sie wusste noch nicht, dass „Günther“ eine Perücke war. Als ich ihn das erste Mal trug, als ich sie aus dem Kindergarten abholte, sagte sie nur: „Oh, Miri, du warst ja beim Friseur.“ Das war’s. Nun musste ich „Günther“ ja abnehmen und meine Schlafmütze aufsetzen. Wie würde sie reagieren?

Der Abend war nett. Wir bastelten (Eintrittskarten für ihre atemberaubende Tanzshow im Tüllröckchen, die sie zu Hause aufführen wollte), sangen (das Sankt-Martins-Lied – obwohl wir Frühjahr hatten, egal) und wir guckten „Biene Maja“ auf DVD. Wer Fragen zur ersten „Biene Maja“-DVD, explizit zur Folge eins „Wie Biene Maja aus der Wabe schlüpft“, hat – immer gerne! Ich kann ALLES beantworten, da ich die Folge zwei Tage hintereinander circa zwölfmal gesehen habe. Irgendwann wollten wir uns bettfertig machen. Mein Herz schlug bis zum Hals. Wie sollte ich anfangen, ohne sie zu schocken.

Dann kam die Steilvorlage. Emma stand in der Küche vor unserer Foto- wand und sagte: „Guck, Miri, da hast du noch glatte Haare. Jetzt hast du Locken.“ Ihr war also doch aufgefallen, dass irgendwas mit meinem Haar anders war. Ich darauf: „Ja, das waren ja auch meine echten Haare. Jetzt habe ich wegen meiner Krankheit eine Perücke. Weißt du, was eine Perücke ist?“ Sie erstaunt: „Ja klar. Hast du echt ’ne Perücke? Nimm sie mal ab.“ Ich sagte ihr, dass ich sie gleich zum Schlafen eh abnehmen müsse. Bis dahin solle sie sich gedulden. Aufgeregt schlich sie um mich herum. Dann nahm ich „Günther“ ab und sie sagte lachend: „Miri, du siehst aber komisch aus. Du hast ja ’ne Glatze.“ Ich erklärte ihr, dass ich durch die Medikamente meine Haare verloren hatte, sie aber irgendwann im Sommer wieder nachwachsen würden. Ich setzte „Günther“ auf seinen Ständer und meine Mütze auf. Sie lachte wieder. Zum Glück. Ich hätte nicht gewusst, was ich gemacht hätte, wäre sie traurig gewesen. Aber alles war gut. Im Bett lachte sie weiter, als sie über meine Platte strich.

Am nächsten Tag bemerkte sie nach dem Aufstehen schlicht: „Also, mit Perücke finde ich dich hübscher.“ „Ich mich auch. Deswegen trage ich sie ja“, erwiderte ich. Ich dachte, dass das Thema vorerst vom Tisch wäre. Auf dem Weg zum Kindergarten hielten wir beim Bäcker, um Emma ein Brötchen für die Kindergartentasche zu kaufen. Sie rief den Tresen hoch: „Ein Käsebrötchen, bitte.“ Die Verkäuferin (eine blonde, hagere Frau mit Bobfrisur) steckte das Brötchen in eine Tüte. Emma: „Also, meine Tante hat auch so eine Perücke wie du.“ Die Verkäuferin war sprachlos und rang nach Worten. Sie stotterte: „Äh … Das ist keine Perücke … Das sind meine echten Haare.“ Eh ich reagieren konnte, ergänzte Emma: „Meine Tante hat auch bald wieder echte Haare. Im Sommer.“ Das Thema beschäftigte sie also doch.

Noch heute, wo ich wieder Haare habe, möchte Emma „Günther“ sehen und aufsetzen. Ich habe von ihr süße Fotos mit „Günther“ gemacht. Und noch heute lachen wir in unserer Familie über diese Geschichte.

Carsten Köthe: Womit wir übrigens wieder bei unseren Fernseh-Krebs-Erfahrungen wären. In der Serie „Desperate Housewives“ war es Lynette, die an Krebs erkrankte und die, wenn ich mich recht erinnere, partout nicht wollte, dass ihre Kinder sie ohne Haare sahen. In irgendeiner Folge war ihr jedenfalls die Perücke über Nacht vom Kopf gerutscht (Frage mal an den Regisseur: Gibt es Perücken, die man nachts aufbehält?), als die Kinder morgens ins Schlafzimmer stürmten. Und was war? Sie sagten: „Mutti, du siehst toll aus.“

Zack, zack – und die drei Wochen bis zu nächsten Chemo waren fast wieder herum.